marianne lang
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sidenotes
mauerblümchen / zeichnung auf prägedruck/ mischtechnik/ 2014

im allgemeinen sprachgebrauch bezeichnet der begriff "unkraut" eine vegetation, die nicht gezielt angebaut wurde und aus der wirtschaftlicher oder ästhetischer schaden entsteht. in vielen heimischen gärten wuchert es zwischen den liebevoll gepflegten beeten, aber besonders lästig und hartnäckig erweist es sich zwischen fugen und ritzen einer steinterrasse. auch wenn man hier das übel mitsamt der wurzel herausreißt und beseitigt, kehrt es mit der gewissheit eines vervollständigten jahreszykluses immer wieder zurück und das mühsame und ermüdende, nie endende jäten beginnt von neuem. das wachstum einer einzelnen pflanze folgt gewissen regeln und ist durch faktoren wie nährstoffe, wetter, licht und wasserzufuhr geprägt.
die art und weise wie sie sich verbreiten erscheint uns allerdings gänzlich chaotisch und entzieht sich unserer wahrnehmung. die samen werden durch den wind transportiert oder kommen über das erdreich immer wieder ins spiel. auch wenn man die terrassenplatten noch so perfekt verlegt hat, das chaos wird nie aussterben und immer obsiegen. es muss aber kompromisse eingehen, denn das Unkraut wählt stets den einfachsten Weg und mäandert dem orthogonalen system der rechteckigen steinplatten entlang.
die bodeninstallation side-notes hält diesen moment fest und transferiert ihn als gravierte laminatplatte mit granit-look in den ausstellungsraum.

sidenotes2
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mauermluemchen
side-notes / zeichnung / holzgravur / 12qm / 2014
mauerbluemchen

seit die menschheit mauern baut, werden diese aus der perspektive der pflanzenwelt lediglich als felswände betrachtet. je nach oberflächenbeschaffenheit, lage und baumaterial bietet ein unverputztes gemäuer immer ein kleinklima - wenn auch ein sehr unwirtliches, häufig geprägt von trockenheit, hitze und nahrstoffarmut. nur wenige robuste pflanzenarten konnten sich diesen nischen anpassen und die fugen und ritzen besiedeln. so z.b. das mauerblümchen, auch zirbelkraut genannt. während die stiele dem licht entgegen klettern, treiben die samenkapseln tief in die spalten und breiten sich soweit als möglich aus. diese pflanzenart weiß ausgezeichnet die löcher und schwachstellen im gebauten system auszunützen: nämlich dort wo der mörtel zu bröckeln beginnt.

dass diese überlebensstrategie buchstäblich ein muster bildet, macht marianne lang zum thema ihrer arbeit. sie setzt das motiv mittels einer graphischen mischtechnik um, wobei gezeichnete pflanzliche strukturen aus einem prägedruck hervorsprießen und dem orthogonalen prinzip der geschichteten ziegelsteine folgen. es kommt eine haptische komponente ins spiel, bei der die papierfläche selbst durch dreidimensionale erhebungen und vertiefungen raum definiert und subtilem wildwuchs platz macht

mauerblümchen